Personal Statement (english text below)

Meine künstlerischen Arbeiten und Projekte beschäftigen sich mit der Choreografie von künstlerischen, alltäglichen und politischen Körperbewegungen sowie deren Bedeutungen und Konsequenzen im privaten und öffentlichen Raum. Dafür verwende ich neben anderen Materialien hauptsächlich Zeichnung und Video als zwei unterschiedliche Medien, um Zeit, Raum und Bewegung zu untersuchen.

Zeichnung  Eine grundlegende Arbeitsweise meiner Zeichnung ist dabei die Rekonstruktion von Vorgängen. Ich zeichne beispielsweise die Bewegung eines bestimmten Objektes oder Körperteiles wie z.B einer Hand oder eines Dirigentenstab,  Dabei entstehen häufig lange Querformate. Der zeitliche Vorgang dehnt sich räumlich aus und die Objekte scheinen sich wie ein Strom durch die Papierbögen zu bewegen. Diese Zeichnungen ähneln einem Storyboard ohne jedoch die Vorgänge oder Narration komplett greifbar zu machen. Räumliche und zeitliche Sprünge, Abweichungen oder Offenheiten in der Chronologie sorgen dafür, dass sich die Zeichnungen einer komplette Erfassbarkeit entziehen. Mir ist dabei wichtig, dass eine Spannung zwischen der abgebildeten Bewegung und dessen Wahrnehmbarkeit entsteht. Ich habe eine Reihe solcher Zeichnungen angefertigt, die si­ch zunächst auf kulturelle Bewegungen wie Tanzen und Dirigieren konzentrierten und sich dann zu zwischenmenschlichen Bewegungsabläufen wie Berühren und politische Aushandlungs-gesten weiterentwickelten.  

Gesten und Bedeutung  Aus der Beschäftigung mit menschlichen Bewegungen entwickelte sich ein Interesse an der Bedeutungskonstruktion von Gesten. Wie übermitteln Bewegungen Informationen? Meist schaffen Gesten nicht nur eine eindeutige, klar begrenzte Bedeutung, sondern stellen mehrere mögliche Bedeutungen her. Es geht also erneut um die Zeichenhaftigkeit und Mehrdeutigkeit von Gesten/ gestischen Bewegungen. Aus diesem Grund sind Grenzen, Übergänge und Überlagerungen von Räumen unterschiedlicher Bestimmung besonders interessant für mich, weil dort die Zeichenhaftigkeit und Mehrdeutigkeit sehr sichtbar in Erscheinung tritt. Des Weiteren gilt mein Interesse den Wechselwirkungen von Bewegungen und den sie umgebenden Räumen. Diese Räume können unterschiedliche Bestimmungen und Funktionen haben, je nachdem ob es sich  um einen alltäglichen, privaten Raum oder politischen (öffentlichen) Raum oder um mein künstlerisches Umfeld handelt. Wie beeinflussen diese Räume Handlungen und Gesten? Und wie kann man diese Wechselwirkungen aufzeichnen? 

Videographie    In der Videoperformance „Taking Place“ zeigt sich exemplarisch worum es mir dabei geht: Durch das Einnehmen und Benutzen als Fremder vom Haus-Terrassen in der amerikanischen Kleinstadt Ithaca wird die Grenze zwischen Privatsphäre und Öffentlichkeit sowohl anhand der Tätigkeit ausgehandelt, als auch das Gewicht der Tätigkeiten durch die Grenze bestimmt, die in der Architektur der amerikanischen Terrassen eine Grauzone vorfindet. Gesten beeinflussen die Wahrnehmung von Räumen und werden gleichzeitig von ihrem räumlichen Rahmen simultan in ihren Bedeutung geschaffen. Die dadurch entstehende Ambivalenz und Widersprüchlichkeit der Gesten interessiert mich, weil ich davon ausgehe, dass die meisten gesellschaftlichen Fragen eine Komplexität und Ambivalenz in sich tragen, dessen Thematisierung ich als produktiv empfinde. Dabei geht es nicht immer um eine feste Lösung dieser Fragen, sondern darum einen Zustand abzubilden oder eine Prozess zu finden, der sich mit dieser Offenheit und der damit möglichen Überforderung und Hilflosigkeit auseinandersetzt. Eine grundlegende Fragestellung von mir lautet daher: Wie schaffe ich eine Lebensform, die sich sicher fühlen darf und zugleich ein Feld von möglichen Öffnungen, Umwendungen schafft, das fragil, unbeständig ist und damit veränderbar ist? Selbstüberwindung, gefestigte Überzeugung und Wandlungsfähigkeit bedingen und reiben aneinander. Ich verstehe meine Kunstwerke als bildnerische Formen (Abbilder und Anreger) dieser Prozesse. 

Politischer Dissens – Einfluss  Neben dem „Festhalten“ und der Auseinandersetzen mit diesen Prozessen habe ich mich in den letzten Jahren verstärkt Situationen in öffentlichen Räumen ausgesetzt, die von Spannungen und Dissensen geprägt waren. Es waren Situationen, in denen die Gesten und verschiedene politische oder geschichtliche Positionen und feste Inszenierungen aufeinander prallten: In der Arbeit „Cairo Walking” laufen der Ägypter Bahaa Talis und ich simultan während der Ausgangssperre in Kairo im Jahr 2013 durch Kairo und Deutschland. Die Videodokumentation der Performance im öffentlichen Raum in Kairo und im deutschen Museum entwirft damit ein damaliges Gegenbild der Mediendarstellung Kairos und provoziert gleichzeitig ein Gespräch der alt-geschichtlichen Inszenierung Ägyptens im deutschen Museum mit der zeitgenössischen Politik und Verantwortung. – In den Videoinstallationen “Same Procedure (Budapest, Istanbul, Hamburg)“ wird ebenfalls die Inszenierung durch Bewegung, Medientechnologie und Geschichte hinterfragt. Nachrichtensprecher, Journalisten, Aktivisten, Künstler, Blogger, Privatpersonen, professionelle und „Amateur“-Kameramänner werden beim Einstellen ihrer Bildkompositionen während politischer Ausnahmezuständen der Flüchtlingskrise in Budapest 2015, des Putschversuches in Istanbul 2016 und des G20 Gipfels in Hamburg 2017 beobachtet. Protestgesten und körperliche Auseinandersetzungen finden in diesen Installationen auf Displays, in deren Hintergrund oder wenn überhaupt am Rand des Filmbildes statt.

Praxis Ausgangspunkt meiner Arbeiten sind verschiedenste Formen sozialer und politischer Praktiken, die ich zeichne, performe, mit anderen gemeinsam bearbeite. Es geht dabei um ein klares Herausarbeiten von Widersprüchen, wie sie zum Beispiel entstehen, wenn sich die Gestik an ihrer Umgebung reibt und umgekehrt. Kunst enthält für mich das Potential mit gefundenen Widersprüchen und Ambivalenzen umzugehen und diese sichtbar zu machen. Sie versucht diese Widersprüche nicht zu lösen, sondern erfasst sie zunächst in ihrer Darstellung und begreift sie als bildnerische Qualität. So geht es mir bei den Bewegungszeichnungen darum, die Bewegungen zwischen ihrer Offenheit und Festschreibung (be)greifbar zu machen. Bei den Arbeiten, die politisches Material nutzen, wird es am spannendsten, wo die Widersprüchlichkeit verschiedener Perspektiven in ihrer Komplexität zu Tage treten. Welchen Einfluss kann Kunst auf den Umgang mit dieser Bedeutungsausladung, Widersprüchlichkeit und Ambivalenz in sozialen, politischen und privaten Bereichen haben? Kann Kunst Kategorien aufbrechen und ergänzend zu den deduktiven Wissenschaften Raum schaffen andere, fluide Umgangsformen zu finden? Mein Ziel ist es daher meine Arbeit noch experimenteller zu gestalten. Ich möchte noch stärker mit Menschen anderer professioneller Felder zusammenarbeiten, ihre Perspektiven und Methoden kennenlernen und in einen Austausch über Unterschiede und Gemeinsamkeiten treten. All dies fußt auf der Einstellung, dass es (in der Kunst) nicht nur darum geht, ein irritierendes (Kunst-)Werk zu schaffen, sondern eine Wahrnehmung und Haltung zur Welt zu suchen und einzunehmen. Dazu gehört zuallererst die Frage, was diese Weltwahrnehmung ist und wie man eine Haltung haben kann.

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My current artistic projects explore the choreography of everyday life and the meanings and consequences that bodily movements in space have for society as well as the private person. I work with various artistic materials, but I primarily use drawing and videography as two different media to study time, space, and motion. For instance, to express movement in my drawings, I sketch my subjects on both sides of several sheets of translucent paper, depicting multiple images of a particular object or body part –  a hand, a conductor’s baton – as if it is moving in a stream of motion across the page. I then layer the sheets of paper together into a single composition. These drawings work like storyboards, but because of the complexity of the movements, the process depicted is not completely ascertainable; the motion remains opaque, and the representation diverges from a strict linear chronology. My technique and approach to these drawings aim to keep the reconstructed actions and motions visible, but at the same time the drawings generate a productive friction between what they attempt to represent and their resistance to full determinacy and legibility. I have produced a series of such drawings, focusing mostly on activities from the field of art like dancing and conducting. These drawings have been shown in several venues, including the Haus der Kunst in Munich and Museum of Contemporary Arts in Leipzig. Originally, my interests focused on the aesthetics of such movements through space. Increasingly, however, I began to consider how embodied movements construct diverse meanings in the particular types of spaces where they take place.  Specifically I started exploring how embodied movements generate disparate meanings in the spheres of art (my own environment/milieu as an artist), the private sphere of everyday life, and the public sphere of political action.  Thus, my artistic works start to reveal the ways that gestures, as embodied movements, carry meaningful informational content. However, while every human gesture operates as a sign, it is not clear whether gestures generate one singular, bounded meaning or instead create distinct, heterogeneous meanings. I am interested in the indeterminacy and illegibility adhering to all types of images, or better said, in the indistinctness of our perceptions. The boundaries that distinguish two spaces and the intersections where those spaces overlap are especially important to me because the ambiguity of signs reveals itself most acutely at these points. I am especially interested in the “division of space” through gestures and the shifting meanings of gestures through spaces. My video “Taking Place” is a good example of how I work with interstitial spaces, as it shows both the “division of space” and the transgression of spatial boundaries through gestures, on one hand, and the shifting, unstable meanings of gestures when performed in disparate spaces, on the other hand.  Gestures shape space and are shaped by it so that a single gestural form may transmit varied messages depending on where the gesture was performed. The resulting ambivalences and contradictions that are characteristic of gestures have become an important theme to me, because in my opinion the most significant questions of human society possess a core complexity and ambiguity. I believe dealing with such questions is a productive activity, although the uncertainties and contradictions they pose cannot and should not ever be resolved completely. One fundamental question might be: How do I create a way of living that feels secure and at the same time permits constant change, that is capable of transforming itself, a life that can be fragile, impermanent and therefore alterable. Having self-discipline, maintaining strong convictions, and yet encouraging one’s own ability to grow and change are often at odds with one another. I consider my artwork as sensual forms of these processes. In recent years I have developed strategies and perspectives within my artwork that hope to reveal and deepen these questions through a range of artistic motifs. I try to sharpen these motifs, which led me in my current works to political situations of dissent like the Cairo curfew. Art has a unique ability to work with materials that embody uncertainties and contradictions, including political situations characterized by dissent and conflict, in which the indistinctness of gestures and the ambiguities of multiple perspectives are so intricate and complicated.  The questions my art raises have two different levels: Can I have an influence on my complex surroundings (e.g.“Traffic Control“), and can art have an influence in the indistinctness of social, political and private life? My inspirations are various forms of social and political practices, which I draw, perform, and work on together with other people. For example, my newest drawings contrast hand gestures involving private, intimate touching between individuals, on the one hand, and bodily gestures that shape how masses of individuals form a unified collective during public gatherings, on the other, as two distinct yet analogous symbolic systems. A touch is an intimate sign between humans belonging within the private sphere. The division of a group by a certain posture (e.g. kneeling as a prayer position) works as a sign in public space. By comparing the ambiguities of physical bodies located in both intimate and public settings, these series of drawings situate personal desires with socio-political ones into a dialogue and depict the ambiguous process by which the space occupied by individuals and the space between them become divided and segmented. I also integrate texts I have discovered through my own research and readings within several drawings that point toward the ambivalence between private and public, intimate and socio-political gestures, individual bodies and group formations. I work by putting into dialogue theoretical claims and autonomous forms of art and I hope to develop these ideas in more experimental ways by collaborating with people from different professional fields, both artists and non-artists alike.  I do not intend for all of my artwork to consist of a unified style and form. Instead, I combine different materials like drawing, performance, objects and video to create an arrangement in my exhibits that renews, rethinks, and reinterprets the questions I described above from various points of views. This stems from my perspective that, at best, art (and living, too) is not satisfied by creating works that just agitate and irritate, but rather in their attempt to find a way of thinking about and perceiving the world, and furthermore, to question the very processes of thinking and perceiving.